Das Sonderangebot
Auf der Suche nach einer Handtasche surfte sie durchs Netz und berücksichtigte dabei vor allem die Seiten mit den Auktionen. Ausgefallene Accessoires waren ihre Spezialität und so oft es ging, denn ihr Einkommen war von eher bescheidener Natur, ersteigerte sie sich die eine oder andere Exklusivität.
Wie erstaunt war sie allerdings, als sie zufälligerweise auf eine unscheinbare Anzeige stiess, die mit dem Titel „Was Frauen wollen“ versehen war.
Vielleicht eine Designer-Jeans, dachte sie. Möglicherweise ein Seidenschal von Fabric Frontline ...
Aber anstatt eines Gucci-Gürtels war da das Foto eines Mannes zu sehen.
Sie musste lachen, glaubte es kaum. Konnte das sein? Ein Mann als Accessoire? Der Text unter dem Foto war wie folgt:
Hallo Ladies. Ich bin das, was euch in eurem Leben noch fehlt. Mann mit dem gewissen Etwas, besser als jeder Manolo Blahnik. Mit mir könnte ihr in die City, und mit oder ohne Sex verspreche ich euch einen aufregenden Abend. Bietet jetzt, ihr werdet es nicht bereuen.
Gerade wollte sie bei den Bemerkungen schreiben, wie daneben sie diese Art von Verkauf finde, als sie sich zu überlegen begann, was für Beweggründe dieser Mann wohl haben könnte sich öffentlich so anzupreisen.
Weitere 10 Minuten später hatte sie ihr erstes Gebot abgegeben. Warum wusste sie auch nicht genau. Vielleicht war sie einfach nur neugierig, möglicherweise wollte sie ihm helfen, denn Frauen haben in der Regel eine soziale Ader und wollen alle Männer retten. Irgendwie war es auch lustig, für ein Produkt mit dem Namen Adam39 zu bieten und, sie war ja Single.
In den folgenden Tagen tat sich nicht viel. Die Internet-Evas schienen sich nicht sonderlich für Adam39 zu interessieren. Ausser einer silberdistel12 mit 10 Euro bot niemand mehr mit. Und so gewann sie dann zu einem sagenhaft günstigen Preis von nur 12 Euro die Auktion. Ein Schnäppchen!
Aber was sollte sie jetzt mit dem neuen Accessoire machen? In den Kleiderschrank hängen, wie all die anderen ersteigerten Sachen?
Sie schrieb ihm, er schrieb zurück. Man vereinbarte ein Treffen am Samstag zum Essen, man, vor allem frau war gespannt.
Die Erscheinung von Adam war neutral, wie sie fand. Um die 1.78 gross, dunkelblondes, schütteres Haar, auf dem Foto schien die Haarpracht noch üppiger, grauen Hosen, grauer Rolli und dünne Lippen mit Leidenszug um die Mundwinkel.
Man begab sich in ein indisches Restaurant, das Schnäppchen und sie, und dann fing die Tortur an. Er dürfe nicht zu scharf essen, sein Magen sei nicht mehr ganz in Ordnung. „Nanu“, dachte sie, „und das schon mit 39!“ Ein Glas Wein? Er lehnte ab, „Diabetes!“
Dann sprach er für den Rest des Abends von seiner Ex, sie unterdrückte zwischendurch ein Gähnen, schaute ab und zu auf die Uhr. „Nicht alles was günstig ist, ist zwingend schlecht, aber das hier ... “, dachte sie müde. Er erklärte ihr gerade mit eindringlicher Stimme, dass Kinder eine Plage seien, immer so laut, schmutzig und unordentlich. Sie wusste das bereits, denn sie hatte ein Kind. Dann hatte er plötzlich Migräne. „Hilfe!“, dachte sie, nur schnell weg hier! Der vermeintliche Frauentraum entwickelte sich zum Albtraum.
Unter einem Vorwand und zu seinem grössten Bedauern verabschiedete sie sich schon früh von diesem Subjekt der leeren Versprechungen. In der dringenden Hoffnung, diesem Abbild des Jammers nie mehr begegnen zu müssen, entschwand sie in allergrösster Eile vom Schauplatz des Schreckens.
“What women want”. Nein, sie wusste nicht immer was sie wollte, aber dieses Sonderangebot, das wollte sie definitiv nicht!
